___________________________________________________________________________________________________________________________________________

 

BAUBESCHRIEB WOHN- UND GEWERBEHAUS RIGACKER

Das Wohn- und Gewerbehaus liegt an der Nahtstelle zwischen einem weiten Ackerfeld (Landwirtschaftszone) und einer Industrielandschaft. Die Dualität des Ortes findet eine programmatische Antwort in der Mischung von Wohnen und Arbeiten; sie ist lesbar in Schichtung der 2 Nutzungen: oben die Wohnungen mit Wintergärten, die den grosszügigen Ausblick in die (unverbaubare) Landschaft öffnen, unten die Ateliers und Gewerberäume, die eine direktere Beziehung zum Ort des Gewerbes und der Industrie haben.
Vorne und hinten (oder : Natur und Industrie) haben 2 Bilder. Der Erschliessungsraum (im Nordosten) wird definiert durch Säulen und ein Vordach, Treppen, Türen und kleine Fenster, durch eine geschlossene, anonyme Fassade. Der Aussenraum (gegen Südwesten orientiert) wird durch eine (mit eingezogenen Vorbauten durchbrochene) Wand begrenzt. Vorbauten, die wie offene Kanzeln eine weitwinklige Perspektive der Landschaft umrahmen und gleichzeitig eine Zwischenzone zwischen Haus und Aussenraum bilden, ein Übergangsraum vom Innen zum Aussen.
Die Zeichen im Erschliessungsraum beschränken sich auf einen Zweckbau, auf einen Gewerbebau als Reverenz an den Ort der Industrie. Im Gegensatz dazu vermittelt die andere Seite. Eine feine Nuance, die die Unterscheidung der zwei Nutzungen mit architektonischen Mitteln verdeutlicht, besteht in den verschiedenen Transparenzen der Gewerbe- und Wohnungsvorbauten, Glasbausteine qualifizieren die Atelier- und Gewerberäume als eher introvertierter Hausteil, die grossen Glasscheiben im Wohngeschoss, den Erholungsraum zwischen Innen und Aussen.
Die minimalen Zeichen, die die Funktion des Gebäudes vermitteln und mit dem Ort korrespondieren, ordnen sich einem Ganzen unter, einem einfachen Haustyp, der eine Bauweise in einer Industriezone ergänzt. Das Besondere, das dem Wohnen an diesem Ort entspricht, zeigt sich erst innen. Das Piano nobile folgt einem 3-schiffigen Basilikamuster. Die Mittelzone, ein nach innen gewandter Wohnraum, wird lediglich durch Fensterbandschwellen belichtet. Ein Raum, der im Kontrast zu dem nach aussen orientierten Wintergarten steht. Das Grundrissschema ist im Querschnitt, an den Seitenfassaden lesbar und an der Dachkulisse (zwei benutzbare Flachdächer und ein gewölbtes Mitteldach)
Die Architektur dieses Wohn- und Gewerbehauses verweist auf Venturi – allerdings nur hinsichtlich einer thematischen Verwandschaft, der Codierung von verschiedenen Bauteilen und ihrer widersprüchlichen Verbindung. Der einfache Baukörper wird nicht dekoriert, sondern mit integrierten Stücken (Fenster, Wand- und Dachteile, Treppen) und Materialien (lasiertes Holz und Beton) semantisch qualifiziert. Es sind Mehrfachbilder, die in diesem Fall, die kulturelle Heterogenität des Ortes zum Ausdruck bringen. Die Analogie zu dem bekannten amerikanischen Hausbau mit der weissen Stülpschalung aus Holz mag heute eher ein „internationales“ Zeichen für einfache, provisorische Häuser sein, das sich auch in eine Industrielandschaft in Wohlen integriert. Provisorisch ist dieses Haus insofern, als es sich verändern und – mit einer parallelen Zeile und einem Zwischenbau ergänzen lässt.

Aus Werk, Bauen und Wohnen 6/88

Fassadendetail